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Julica-Jovana

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„Operation Orchester” begeistert in St. Ingbert

Von SZ-Mitarbeiter Hans Bünte

Das Umbau-Exil des Staatstheaters hat einen ersten Triumph mit sich gebracht: „Operation Orchester“, eine „Zauberflöte“ ohne Sänger, erfreute als neuartige Opernform in der Alten Schmelz in St. Ingbert. (Veröffentlicht am 18.03.2013) St. Ingbert. St. Ingbert. Das schlug dem Fass der Vorurteile wahrlich die Krone ins Gesicht: Im Lautsprecher des Theaterbusses lief Freddy Mercury, dabei ging es doch um die „Zauberflöte“! Jeder alte Opernfan war ohnehin gereizt. Was meinte das Staatstheater mit einer „Oper ohne Sänger“ – sollte man etwa auf „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ verzichten? Keine Träne verdrücken bei Paminas „Ach, ich fühl's, es ist verschwunden“ und nicht schadenfroh lauern, ob die Königin der Nacht das hohe „f“ verkorkst? Stattdessen eine „Operation Orchester“! Operation statt Oper? Na dann „Gute Nacht, böse Welt!“. Das sang zwar Stefan Röttig in seiner Einführung, aber er begleitete sich selbst auf der Ukulele. Mozart auf der Ukulele! Somit war man, in St. Ingbert angelangt, auf Krakehl eingestellt. Aber dann: Die Halle dunkel bis auf Lämpchen in Papiertüten neben den Sitzen. Der Dirigent auf einem zentralen Podium, sein Stab leuchtet, das Orchester weit verteilt. Es beginnt mit Konsonanzen und reinen Akkorden, die rasch ins Chaos münden. Neuer Versuch mit der Ouvertüre, die plötzlich in Geräuschen à la Lachenmann fortgeführt wird: Die Musiker spielen nicht mehr, sondern ahmen ihre Partien mit der Stimme nach. Und da sie sich auf Tonhöhe und Rhythmus verstehen, zeichnet das schon einmal seltsam geisterhaft die Partitur nach. Bereits hier ist das gute Zusammenspiel der Musiker über größere Entfernungen hinweg erstaunlich. Eine Überraschung folgt der anderen. Eine Geigerin ahmt Papageno mit Flageolettönen nach, eine Bratsche begleitet; das Orchester kommentiert mit Einwürfen. Papagenos Fünfton-Pfeifchen wird vom schweren Blech parodiert. Ein Bratscher erhält Beifall für eine Jazz-Variante eines Mozart-Themas. Die Rache-Arie der nächtlichen Königin erklingt doch, aber von den Holzbläsern, unterbrochen von schmetternder Pauke.

Schweigegebot für Papageno

Dabei ständig Anklänge auch an das szenische Geschehen der Oper, wobei die Parodie glaubhafter wirkt als das Original. Etwa wenn die Zweiten Violinen sich drohend dem zurückweichenden Papageno in Röttigs Person nähern, ihren Orchesterpart nur noch singen und mit Geräuschen stören. Wenn der Sänger wagt, das Schweigegebot mit halben Sätzen zu umgehen, und vom Zischen der Musiker zurechtgewiesen wird. Überhaupt immer wieder gezielte Brüche: Beim Liebesduett sieht sich Papageno einer zierlichen Klarinettistin gegenüber, die Papagenas Part bläst – eigentlich nicht aberwitziger als das Papapapapperlapapp in Schikaneders Original. Dann wird's vollends surreal. Da schreitet das Orchester als Trauerkondukt in Fräcken und Abendkleidern zwischen den matt schimmernden Stahlträgern quer durch die Zuhörer und rund um die Halle, der Dirigent im Gestus eines Tambourmajors voran. Der Posaunist intoniert mit priesterlichem Ernst „In diesen heiligen Hallen“, ein Kontrabass ist feierlich aufgebahrt, gefolgt von einer Monstranz in Gestalt eines beleuchteten Notenständers. Die mittlerweile eingesammelten Leuchttüten steigen langsam als riesiger Kronleuchter empor, Musik aus Händels „Saul“ ertönt in Stokowskis üppiger Instrumentierung. Flirrende Streichertremoli leiten das Ende ein, der Zaubergarten aus Strawinskys „Feuervogel“ mit einem schönen Hornsolo wächst zum triumphalen Schluss. Es dirigierte Andreas Wolf, es inszenierte Tom Ryser, Bühnenbild und Video stammten von Julica Schwenkhagen und die Arrangements von Natalya Chepelyuk. Fazit: „Operation Orchester“ gelungen, Patient lebendiger als zuvor. Eine Notlösung gebar eine neue Opernform, und ein Klangkörper entfaltete brachliegende Talente als Schauspieler, Komiker und Maultrommler (im erweiterten Sinne), ja, sogar als kreativer Erfinder von szenischen und musikalischen Gags; denn vieles an dieser Produktion erdachten die Musiker selber. Und: Die „Industriekathedrale“ in St. Ingbert ist akustisch besser als etwa das E-Werk, zumal wenn man das Orchester in der Mitte platziert. Leider sind nur noch zwei Aufführungen geplant – keinesfalls versäumen!

Termine: 30. März und 14. April. Tel. (06 81) 309 24 86.