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Julica-Jovana

http://www.heidelberger-philharmoniker.de/orchester/orchester-und-sparten/philharmonisches-orchester/archiv/archiv-201011/musiktheater/tanzprojekt-romeo-und-julia/



Shakespeare im Zeitalter des Internets

Packende PVC-Premiere von „Romeo und Julia“

mit 50 jugendlichen Tänzern und großem Orchester im Heidelberger Opernzelt

Wenn man vergisst, dass da oben das Orchester spielt und unten getanzt wird, wenn Musik und Choreographie zu einem Ganzen verschmelzen und wenn so mancher Zuschauer hin und wieder schlucken oder sich gar dezent die Augen reiben muss – dann passiert etwas so enorm Spannendes und Bewegendes im Opernzelt in Heidelberg, dass man danach ruhig von einem „großen Abend“ sprechen darf. Das liegt natürlich einerseits an der dankbaren, jahrhundertealten, tragischen Liebesgeschichte zwischen Romeo und Julia, andererseits aber liegt es noch mehr an der großartigen Leistung der fast 50 Mädchen und Jungen zwischen elf und 21 Jahren. Sie alle sind die Stars des Abends.In dieser Koproduktion des pvc- Tanztheaters Freiburg/Heidelberg, der Opern-Sparte, dem Philharmonischen Orchester und dem Haus der Jugend tanzen sie (fast) so perfekt und vor allem ausdrucksstark wie die Profis. Der Choreograph und Tänzer Gary Joplin hat das Tanzprojekt mit den jungen Laientänzern seit Ende Januar einstudiert und sich dabei auch auf die aktullen Befindlichkeiten derJugendliche eingelassen. So stellen sie mit „Romeo und Julia“ nicht so sehr die Liebesgeschichte der Kinder aus zwei verfeindeten Familien dar, wie es im 16. Jahrhundert William Shakespeare gemacht hatte, sondern sie zeigen eine aktuelle Geschichte vom Scheitern ganzer Banden. Man denkt erst ein bisschen an die „West Side Story“, die den Familienclinch in einen New Yorker Bandenkrieg einbettet.Aber hier ist Familie ganz out, die Clique ist der Ersatz. Miteinander geredet wird nur übers Handy. Romeo macht seine Freundin Rosalinde per SMS zur Ex: „will keinen Stress, sorry“. Übers so genannte „soziale Netzwerk“ wird gemobbt, bis es Tote gibt. Aus Facebook wird an der Leinwand „Facebruch. Komm“, sei es nun der Gesichtsverlust des Einzelnen oder der erhoffte Bruch der Bloggerin Benvolia (Fatima Cinemre) mit diesem Datengiganten im Internet. In ihrem letzten Blog erzählt sie die Story von „Romeo und Julia“ rückblickend. Mit einem Fingerschnipsen von ihr setzt das Philharmonische Orchester Heidelberg mit der bezaubernden Ballettmusik von Sergei Prokofjew ein, während sich die eher gelangweilten Jugendlichen auf einem düsteren Gelände zu ihren typischen Revierkämpfen treffen. Die Capulets sind gekleidet wie kleine Mafiosi in Pink und Grau, die Montagues gestylt wie Punks (Bühnenbild und Kostüme: Ariane Schwarz und Julica Schwenkhagen). Stress gibt es erst, als sich Mont Romeo (Doga Gürer) und Cap Julia (Sina Schiller) ineinander verlieben. Sie wird als „Schlampe“ denunziert, der „Wixxa“ vor dem „Scheiß“ gewarnt.

Unter dem Dirigat von Ivo Hentschel (der nach der Vorstellung für sein besonderes Engagement mit dem Preis des Theater-Freundeskreises ausgezeichnet wurde) erklingt die Musik so eindringlich wie zurückhaltend zugunsten der „Gangster“, deren tänzerischer Kampf mit Ellenbogen, Fußtritten und einer Furcht einflößenden Mimik „Stil“ hat. Viele Ideen vom klassischen Ballett über Modern Dance bis zum Breakdance werden unter der Regie und Choreographie von Joplin sehr stimmig zu Musik und Handlung umgesetzt. Alles passt bestens zusammen und wird durch die rasanten „Breaks“ der SkaterundBreakdancer aus dem Haus der Jugend, die den Tod vorausahnen, noch verstärkt.

Besondere tänzerische Leichtigkeit zeigt Mercutio (Julik Mkrtumian), der quirlig und übermütig solange um die Gegner herumtänzelt und provoziert, bis es ihn hart erwischt. Nach seinem Tod wird‘s ernst. Er bleibt nicht der einzige, da bleiben alle treu an Shakespeares Story. Bemerkenswert ist, wie gefühlvoll die Stimmung umschlägt und die Tänzer ihrer Trauer um Julia nachspüren – da herrscht, abgesehen von der Musik, Totenstille im Opernzelt.


Rhein-Neckar-Zeitung, 1.7.11, Carmen Oesterreich



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„Einen schöneren Abschied kann ich mir gar nicht denken", kommentiert Intendant Peter Spuhler dieses hochgelobte Finale seiner letzten Heidelberger Spielzeit ... Choreograf Gary Joplin hat mit 45 Schülern aus der Metropolregion einen phänomenalen Abend in Szene gesetzt. Allen theaterpädagogisch Interessierten dürfte das Herz aufgehen angesichts dieses vorbildlich geplanten und geleiteten Jugendprojekts  Ein lang anhaltender Beifallssturm feiert die elektrisierende Tanzlust der Mitwirkenden und die tiefe Hingabe der Solisten Sina Schiller (Julia), Doga Gürer (Romeo) und Julik Mkrtumian (Mercutio) an ihre Rollen. Die Kostüme von Ariana Schwarz und Julica Schwenkhagen dienen als Beweis dafür, wie viel Fantasiereichtum und Arbeitsfleiß in diese Tragödie über die endende Gewalt geflossen ist. Nach dem Muster der „West Side Story“ prallen zwei Straßenbanden aufeinander. Die zackig gedrillten Capulets und die locker-frechen Montagues liefern sich feurig choreografierte Prügeleien. Dazwischen wirbeln Breakdancer und Skater über die Spielfläche des Opernzelts. Auf einer Videowand erscheinen die Dialoge, die Freunde und Feinde per Notebook und Handy führen. Die Internet-Generation hat freilich den klassischen Tanz noch nicht ganz vergessen; er mischt sich in die zeitgenössichen Bewegungssprachen als Ausdruck seliger Liebe ein.Musik und Choreografie kommen sich dabei auf halbem Wege entgegen. Gary Joplin folgt der geballten Energie und der himmlischen Leichtigkeit, die Sergei Prokofjews Ballet „Romeo und Julia“ auszeichnet. Und das Philharmonische Orchester reagiert auf das Geschehen mit farbenreichem Spiel – drahtig und herb, flatterhaft und hymnisch verzückt.


Mannheimer Morgen, 1.7.11, Monika Lanzendörfer